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12 Blätter

In meinen Arbeiten interessiere ich mich für das Spannungsfeld zwischen Kunst und Wissenschaft. Dabei beschäftigt mich v.a. die Frage nach den Grenzen des Aussagevermögens von Kunst und Wissenschaft, und ob nicht sowohl der künstlerische Blick als auch der wissenschaftliche Blick zusammen genommen die Erscheinungsformen der Materie vielleicht vollständiger und umfassender erklären kann. Wie viel Kunstform steckt in der Naturform? – der Versuch der Beantwortung dieser Frage ist mir ein zentrales Anliegen.

Mit seinem 1859 erschienen Werk „Über die Entstehung der Arten“ lieferte Charles Darwin eine überzeugende Theorie für die Entstehung der Arten und deren Wandel. Mit dem im 20. Jahrhundert aufkommenden Neo-Darwinismus wurde das Phänomen der Evolution dann zu einer Tatsache. Viele Phänomene in der belebten Welt konnten nun plausibel einzig allein durch Mutation und Selektion erklärt werden. Viele, aber eben nicht alle. Zu den Phänomenen, die nicht durch bloßen Zufall und bloße Notwendigkeit erklärt werden können,  gehören z.B. die Blattformen der Landpflanzen. Es gibt auf unserem Planeten etwa 280 000 Arten von Landpflanzen. Dazu gehören die Moose und Farne ebenso, wie die die Nacktsamer und Bedecktsamer, also etwa die Nadelgehölze und die Blütenpflanzen. Allen diesen Arten ist gemeinsam, dass sie Blätter ausbilden, die jeweils eine artspezifische Form aufweisen.  Diese Organe haben  nur eine Funktion: Licht zu sammeln um in ihren Zellen Photosynthese zu betreiben. Wozu aber dann die enorme Diversität bei der Gestaltung der Formen der Blätter, wenn doch streng genommen eine Blattform ausreichen würde, die diese eine Funktion optimal erfüllt? Augenscheinlich betätigt sich hier die Natur als eine echte Künstlerin, da eben diese eine ideale Form eines Blattes genauso wenig zu existieren scheint wie Goethes „Urpflanze“, und daher immer wieder neue Ideen zur Realisierung kommen müssen.  Hier wird Gestaltung und somit Kunst zu einem dem Lebensstoff ganz natürlichem Willen zum Ausdruck, der von jeglicher Zweckmäßigkeit entbunden zu sein scheint, und vielleicht nur dem Ideal der Schönheit dient. Gleichzeitig muss eine außergewöhnliche große morphogenetische Plastizität des Lebensstoffes dafür die Voraussetzung bilden, über dessen wie und warum der darin wirkenden Kräfte wir aber völlig im Unklaren sind.

Obwohl sicherlich viel Anthropozentrismus in der folgenden Aussage steckt, aber es ist nicht vollkommen abwegig zu vermuten, dass die große Diversität der Blattformen, und damit auch ihre immense Schönheit – quasi als eine Form von Präadaptation –  vielleicht die Funktion hat uns Menschen nicht nur daran zu erfreuen, sondern uns auch staunen zu lassen, um uns letztlich dazu zu verpflichten diesen Schatz nicht nur zu hüten, sondern auch zu bewahren.