In meinen Arbeiten interessiere ich mich für das Spannungsfeld zwischen Natur, Kunst und Wissenschaft. Dabei beschäftigt mich v.a. die Frage nach den Grenzen des Aussagevermögens von Kunst und Wissenschaft, und ob nicht sowohl der künstlerische Blick als auch der wissenschaftliche Blick gemeinsam die Erscheinungsformen der belebten Welt vielleicht vollständiger und umfassender deuten kann. Wie viel Kunstform steckt in der Naturform? – der Versuch der Beantwortung dieser Frage ist mir ein zentrales Anliegen.
Adolf Portmann (1897-1982) war ein Schweizer Biologe, der an den meeresbiologischen Laboratorien in Banyuls-sur-Mer, Villefranche, Roscoff und Helgoland speziell an Hinterkiemerschnecken forschte, und der 1931 zum Professor für Zoologie an die Universität Basel berufen wurde. Er arbeitete interdisziplinär, und lieferte grundlegende Beiträge zur Meereszoologie, Morphologie, Anthropologie und Verhaltensbiologie. Ein immer wieder in Portmanns Forschungen und Publikationen auftretendes Thema ist die äußere Gestalt der Tiere. Portmann stellt hier die bereits zu seinen Lebzeiten heftig umstrittene These auf, dass die Gestaltung der Oberfläche der Tiere nicht ohne weiteres aus deren adaptiven Wert zu erklären sei.Sein Interesse für marine Nacktschnecken, von denen er sich geradezu magisch angezogen fühlte, mündete schließlich in dem 1982 – gemeinsam mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Luise Schmekel – publizierten Werk „Opisthobranchia des Mittelmeeres“ (Abb. 1).
Marine Hinterkiemerschnecken sind zwittrig, und besitzen Zwitterdrüsen. Das sind Keimdrüsen, die die Funktion von Hoden und Ovar in sich vereinen, und sowohl Spermien als auch Eizellen produzieren können. Da eine Selbstbefruchtung immer verhindert werden soll, werden die Keimzellen nicht gleichzeitig gebildet. Meist werden die Spermien zeitlich vor den Eizellen erzeugt. Dies geschieht in der Regel in unterschiedlichen Regionen der Zwitterdrüse. Die nur wenige Millimeter bis Zentimeter großen Tiere sind außerordentlich lebhaft gezeichnet (Abb.2), und benötigen zur Fortpflanzung immer einen Kopulationspartner, der die Besamung durch einen Penis ermöglicht. Teilweise hat ein Individuum auch mehrere Geschlechtspartner, was es erforderlich macht, dass die Spermien der verschiedenen Kopulationspartner in jeweils individuellen Hohlräumen zwischengelagert, und am Leben erhalten werden müssen. Hinzu kommen spezielle Drüsen und Organe, die die Eizellen mit Nährstoffen versorgen, und ggf. mit einer Schale umgeben, bevor sie abgelegt werden.
„Die Wissenschaft hat Krücken, die Kunst hat Schwingen“ lautet ein berühmtes Zitat des Kubisten Georges Braque (1882-1963). Die hier gezeigte Ausstellung soll dieses Zitat veranschaulichen: Durch das Weglassen der Beschriftungen auf den Originalzeichnungen der Geschlechtsapparate einzelner Arten (den „Krücken“ in Abb. 3), und anschließendes skalieren und kolorieren, erscheinen die schon per se erotisch, „schlüpfrig“ und verspielt anmutenden Gebilde in einer anderen, neuen Qualität, die ohne Zweifel das Prädikat Kunst verdient. Hier wird Gestaltung zu einem dem Lebensstoff immanenten, ganz natürlichem Willen zum Ausdruck. Durch einen gleichsam wundersamen Prozess der Transformation entpuppt sich die verwissenschaftlichte Naturform auf einmal als echte Kunst, die sich auf Schwingen erhebt, die sie schon immer hatte, und die die Natur auch als Künstlerin erscheinen lässt.














